Theologie und Markt: »Basler Manifest«

Auf fünf A4-Seiten bereitet uns das "ZRWP" *) in einem "Basler Manifest" die Freude einer interdisziplinären Erörterung zur "Ökonomischen Aufklärung", an dem professorale Wirtschaftwissenschafter, Wirtschaftsethiker und Theologen sowie sogar ein Professor für Neuere deutsche Literatur und Medienanalyse mitgewirkt haben.

Uns erscheint dieses Manifest deswegen so bemerkenswert, weil es (durch Wissenschaftler erstellt!) gebetsmühlenartig die sozialistische Sprachregelung der Verdrehung der Begriffe pflegt und sich dabei den Anschein der Kompetenz gibt. Einmal an die Mühle anstreifen, und schon leiert sie Kernsätze und Gemeinplätze des Liberalismusbashings. So massiert begegnet man dieser Methode nicht oft. Wir haben es geradezu mit einem Kompendium der Falschinformationen in Sachen Markt zu tun.

Da erfahren wir auf den ersten Seiten in einer Anamnese zum Beispiel:

"...der Glaube an die uneingeschränkte Markteffizienz und den perfekten Markt unterläuft die Möglichkeiten, das Marktgeschehen vernünftig zu gestalten" und es gelte "...eben nicht fundamentalistisch daran zu glauben, dass die Unsichtbare Hand des Marktes mit gottgleicher Weisheit alles so herrlich regiert, weil sie für Gleichgewichtszustände sorgt."

Marktgeschehen gestalten? Gottgleiche Weisheit? Gleichgewichtszustände?

Wer sich nur halbwegs mit der Theorie des Marktes im Sinne des Liberalismus beschäftigt hat, sollte eigentlich einräumen müssen, dass "Markt" und "Gestalten" sich ex definitione nie vertragen können. Den angesprochenen Gleichgewichtszustand gibt es in einem ständigen Prozess auch nicht, weil im Gegenteil das dynamische Marktgeschehen eben darauf beruht, dass kein Gleichgewicht gegeben ist (sonst würde nämlich das "Geschehen" zu einem Standbild erstarren).

"Mit der Dominanz eines teilweise deliranten Finanzsektors über die Realwirtschaft haben wir es mit einem neuen Phänomen zu tun.", heißt es da.

"Einzelne Haushalte, Unternehmen und die öffentliche Hand sind von den Vorgaben der transnationalen Finanzmärkte abhängig geworden, was für den Staat einen Souveränitätsverlust bedeutet. Es droht ihm die Selbstenteignung durch progressive Verschuldung, nicht zuletzt durch die Übernahme der exzessiven Schulden der Banken. Diese Verschuldungspolitik beruht allein auf dem Glauben an ein progressives Wachstum, das aber gerade durch die Krisen auf dem Finanzsektor bedroht ist. Der Staat als "lender of last resort" soll überschuldete Banken retten und muss doch feststellen, dass er selbst überschuldet ist. Wer rettet den Retter?"

Souveränitätsverlust des Staates?! Verschuldung durch Übernahme der Bankschulden?!
Wir sind bass erstaunt. Sollte auch den Wirtschaftswissenschaftern unter den Autoren tatsächlich die Tatsache entgangen sein, dass die Schulden der Staaten schon vor den "Bankenrettungen" (die, nebenbei, ebenfalls den liberalen Prinzipien widersprechen) aus den Staatsschiffen überbordend in das Meer der Wirtschaftenden wie Ölpest flossen?

Eine schon oft gehörte Diagnose wird dann erneuert, nämlich "...dass unablässig Spekulationsgewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden." Welcher aufrechte Liberale würde danach rufen, dass irgendetwas sozialisiert wird? Von Verlusten zu schweigen. Es ist im Gegenteil ein Prinzip der liberalen Wirtschaftsauffassung, dass jeder mit seinem Eigentum einzustehen hat, wenn er Verluste "produziert". Das gilt selbstverständlich auch für diejenigen Marktteilnehmer, die ihre Geschäftspartner falsch eingeschätzt haben.

Die Finanzmärkte seien "heute nicht mehr in der Lage, eine effiziente Allokation des Kapitals und der Risiken zu gewährleisten. Im Gegenteil: Sie erschaffen zusätzliche System-Risiken." Aber der die Märkte regulierende Staat soll dazu in der Lage sein?! Also bitte...

Dann mündet das Manifest in konkreten Regulierungsempfehlungen (von uns gekürzt):

1. Bankengrösse und ihre Überwachung.

2. Zulassung von Finanzprodukten: Finanzprodukte sollten zertifiziert sein.

3. Marktregulierung: nur Transaktionen in organisierten und transparenten Märkten sollten erlaubt sein.

4. Volatilitätsbegrenzung: Um die Volatilität und das Volumen von reinen Finanz-Transaktionen zu verkleinern, sollte eine Transaktionskostensteuer eingeführt werden.

5. Anreizstrukturen und ihre Besteuerung: Boni sind zu begrenzen und durch Mali zu ergänzen, um verantwortliches Wirtschaften zu fördern. Das Steuersystem muss transparent und effizient neu gestaltet werden.

6. Schuldenabbau: Globale Schuldenberge (privat und öffentlich) sollten bald abgebaut werden: 1. durch einen global koordinierten Schuldenerlass (jene, die spekulieren, werden weniger Kapital erhalten) und 2. durch den Ertrag einer Finanztransaktionssteuer (s. Punkt 4).

7. Interessenkonflikt: Die geltenden Regulierungen (Basel II, III) haben den Ratingagenturen zuviel Gewicht und Macht übertragen. Institutionelle Neuregelungen sind dringend erforderlich.

8. Ausbildung: Alle genannten Maßnahmen sind nur sinnvoll, wenn wir die künftigen ökonomisch-politischen Eliten anders ausbilden. Die ökonomische Ausbildung muss in einem verantwortungsbewussten Geiste verändert werden.

Und letztlich schließt das Manifest mit den folgenden Glaubenssätzen:

"Die religiöse Wendung „man muss dran glauben“ hat einen knirschenden Doppelsinn. Er legt die Überlegung nahe, ob wir dran glauben müssen, wenn wir weiterhin falsche ökonomietheoretische Grundannahmen wie die von der Unsichtbaren Hand oder die vom homo oeconomicus beglaubigen. Ökonomische Theorien gehören (wie theologische!) zu denen, die starke Rückkoppelungseffekte auf die beschriebenen Verhältnisse freisetzen. Wie eine aufgeklärte Theologie oder Religionswissenschaft die Glaubensannahmen der Menschen verändert, so kann eine Aufklärung über „quasireligiöse“ Annahmen der Wirtschaftstheorie zu anderen, neuen, produktiveren, ökologischeren und sozialeren Formen des Wirtschaftens führen.

Basel, 4. November 2011"

Danke für diese entlarvende Fülle an falschen Grundannahmen und daraus gefolgerten haarsträubenden aber nichtsdestoweniger gängigen Schlussfolgerungen! Jeder der acht Empfehlungen kann getrost widersprochen werden (und wer's nicht glaubt, möge bitte bei uns rückfragen; wir versprechen solide Antworten!).

Dass es sich bei dem Phänomen "Markt" nicht um eine Erscheinung, sondern um eine quasireligiöse Annahme handeln soll, ist aber wirklich eine bereichernde Erkenntnis im Rahmen der Beurteilung dieses "Manifests".


*) Selbstdefinition:
"Das Forschungskolleg des ZRWP - Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik (Collegium Helveticum-Basel) leistet Beiträge zur trans- und interdisziplinären Forschung. Das Kolleg ist eine gemeinsame Einrichtung des ZRWP und des Collegium Helveticum in Basel. ... Die dritte Fellowgruppe des ZRWP steht unter der Überschrift «Religion und Wirtschaft». Die grundlegende Annahme der Forschungsprogramms Risiko – Vertrauen – Schuld ist eine Verbindung der Sphären Religion und Wirtschaft."

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