Nur weil einer Kunst macht...

Bild: APA Fotodienst

"... hat er kein Recht auf Geld dafür."

Ist das so? Eine schwierige Frage.

Die Piratenpartei ist (mit 7,4%) locker aus dem Stand in den saarländischen Landtag gesprungen, während die Grünen nur mit Weh und Ach (5,0%) die Eingangshürde schafften. Der Zeitgeist, so konnte man da lesen, sei nun einmal ein Pirat.

Ein herausragender Aspekt der bis jetzt noch nicht gerade inhaltsreichen Bekenntnisse der Piraten ist das Verlangen nach freiem Zugang zu Informationen aller Art. "Frei" heißt da "ohne Entgelt".

Die Informationsindustrie, aber nicht zuletzt die Schöpfer der Inhalte, die Künstler wie Musiker und Schriftsteller, die Interpreten und die Kreativen der Informationstechnologie denken da begreiflicherweise anders.

Sven Regener, Berliner Erfolgsautor, Songschreiber und Sänger hat sich zu dem Thema jüngst mit deutlichen Seitenhieben auf die Piraten sehr emotional in einem Radiointerview geäußert. Sein Zorn gipfelte in der Feststellung, er wolle "kein Straßenmusiker sein".

Ein Sprecher der Piraten, Fritz Effenberger, replizierte mit dem hier eingangs zitierten Ausspruch: "Nur weil jemand Kunst macht, hat er kein Recht auf Geld dafür."

Da wohl manche Leser diese Forderung auf Gratiskunst für falsch halten werden, andere wieder für den unentgeltlichen Zugang zu allen Produkten im Internet eintreten, sei hier ein Anstoß zum Nachdenken und Verständnis für beide Standpunkte gegeben.

Wer etwas produziert, tut dies aus Eigeninteresse. Millionenfach zitiert heißt es da bei Adam Smith: "Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen."

Worin nun bestehen diese "eigenen Interessen"? Doch in dem Wunsch, mit dem Erlös aus den erzeugten Produkten den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können! Nicht die Begeisterung für das Schlachten, Brauen oder Backen bewegt die Handwerker, sondern der Zwang oder doch der Wille zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse.

Was also muss der Handwerker seinen potentiellen Abnehmern anbieten? Nur die Produkte, die er gerne herstellt oder aber die Produkte, die ihm gerne abgekauft werden?

Ob nun der Literat, der Komponist, der Interpret (auch) zu seinem eigenen Vergnügen produziert, ist daher unmaßgeblich. Maßgeblich ist doch, dass er etwas anbietet, was man ihm abkauft.

Auf diese Weise kann der Standpunkt des Piraten verständlich werden: wenn der Künstler etwas anbietet und Geld dafür verlangen will, so kann er diese durchaus tun. Die Konsumenten werden aber dafür nur dann etwas zu zahlen bereit sein, wenn ihnen das Angebot preiswürdig erscheint. Wofür sie nichts zahlen wollen, das ist ihnen auch nichts wert.

Wohl erwogen, haben also beide Recht, der Künstler Regener und der Freibeuter Effenberger. Kunst oder Software zu schaffen allein reicht noch nicht; um dafür Geld zu verlangen, bedarf es auch der gehörigen Nachfrage. Also: "Nur weil jemand Kunst macht, hat er [deswegen allein noch] kein Recht auf Geld dafür."

Noch ein kleiner Hinweis: eine kurze aber kluge Abhandlung, wonach das verbreitete Verständnis der Thesen des Adam Smith "zum großen Teil eine Abfolge von Mißverständnissen, Fehlinterpretationen [und] Klischees" ist von Dr.habil. Georg Cavallar finden Sie in der Presse vom 12.Oktober 2002: http://tinyurl.com/7jfgkl8 . Mit Recht schreibt Cavallar über dieses Werk des Adam Smith: "Es wird bis heute viel zitiert und wenig gelesen."

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Parallele: GPL

Eine ähnliche Situation, wenn nicht sogar der Ausgangspunkt für die laufende Diskussion, kommt aus dem Softwarefeld: das "Establishment" der Branche argumentiert natürlich mit Herstellungsaufwand, Anstrengung der Erfindung und gerechter Entlohnung, um Lizenzen (im Klartext: Lizenzgebühren) und auch Patente zu rechtfertigen.

Die andere Fraktion, aus deren Tun mittlerweile ganze Betriebssysteme(!), der am weitesten verbreitete Webserver und viele andere wesentliche Produkte hervorgegangen sind, argumentiert, dass der Erfindungsaufwand einmalig ist, die zu entlohnende Dienstleistung in der Betreuung der Software besteht, und meint daher, Software sollte "frei" sein: die "GPL" (GNU Public License) wurde geschaffen, die genau das ("Copyleft"-Bestimmungen) zum Inhalt hat (http://www.gnu.org/licenses/gpl-3.0.html)

Dabei hieß es allerdings in einem früheren Begleittext sinngemäß: "That's 'free' as in 'freedom', not in 'free beer'". Im Klartext: wenn Ihre Leistung oder Ihre Erweiterung gut genug ist, können Sie sogar für Apache (den oben zitierten Webserver) Geld verlangen! Auch in der aktuellen Version der GPL heißt es: "When we speak of free software, we are referring to freedom, not price" ("Wenn wir von 'freier Software' sprechen meinen wir damit 'Freiheit', nicht 'Preis'")

Das wurde offenbar irgendwann missverstanden. Oder auch einfach nur vergessen.

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