IMD: Wie man ein wettbwerbsfähiges Land wird

Stéphane Garelli erklärt aus Sicht des vergleichenden Wirtschaftswissenschaftlers in diesem 3-minütigen Clip (in gut verständlichem Englisch), was ein im internationalen Wettbewerb erfolgreiches Land ausmacht (Text und deutsche Übersetzung unter dem Video, nach Klick auf »read more«) :

Hallo! Ich heiße Stépahe Garelli und bin Direktor des IMD World Competitiveness Centre, wo ich auch unterrichte. Meine Frage heute lautet: Wie macht man ein Land wettbewerbsfähig?

Es gibt offensichtlich einfachere Fragen, aber wagen wir eine Antwort:

Als erstes müssen Sie irgendeine Art gesetzlicher Regelungen erlassen, die Ihre Finanzen ordnen. Ich würde sagen, das kann ein Abkommen sein (etwa der Fiskalpakt in Europa), das können aber auch Gesetze oder eine Verfassung sein, wie in der Schweiz vor 10 Jahren, oder in Deutschland vor 2 Jahren. Aber prinzipiell brauchen Sie eine ausgeglichene Finanzlage. Sonst geht gar nichts.

Als nächstes sollten Sie etwas produzieren. Das »Made in«-Konzept ist im Wettbewerb sehr wichtig: am Ende des Tages ist ein Land, was es macht. Und ich finde, die Debatte über Reindustrialisierung trifft den Kern dieses Themas. Den Vereinigten Staaten, England und Japan ging in den letzten 20 Jahren etwa 20% ihrer Industrie verloren. 5,7 Millionen Arbeitsplätze wurden allein in den Fabriken der USA in den letzten zehn Jahren abgebaut. Und wenn Sie eine Erfolgsgeschichte wie Apple hernehmen: Apple ist am Markt, wie mir scheint, mit 584 Milliarden Dollar bewertet und beschäftigt nur 61000 Mitarbeiter. Etwas herzustellen ist wichtig.

Nummer drei ist der Export. Wenn Sie wettbewerbsfähig sein wollen, exportieren Sie. Wenn wir uns die derzeitigen Problemländer wie Griechenland, Portugal und Spanien anschauen, so könnten die ihre Probleme teilweise lösen, würden sie wieder vermehrt exportieren. Wettbewerbsfähige Länder wie Deutschland exportieren.

Nummer vier: diversifizieren Sie Ihre Wirtschaft. Diversifizierung ist aus meiner Sicht absolut unabdingbar. Ich bin aus der Schweiz, wenn ich ins Ausland reise, höre ich immer wieder: »Oh, Schweiz! Schokolade und Banken!« Ich sage dann: »Ja, und vielleicht ein bisschen Lebensmittel.« - »Oh! Ja.« - »Und vielleicht ein paar Uhren.« - »Ja.« - »Und Pharmazie, wie Novartis.« Sie sehen also, die erfolgreichen Nationen sind sehr diversifiziert, wie die Schweiz, aber auch Schweden, Dänemark usw.

Und letztlich, Nummer fünf, entwickeln Sie Ihren Mittelstand. Jedes Land auf der ganzen Welt hat riesige multinationale Konzerne an der Spitze seiner Wirtschaft und eine Menge Kleinunternehmen an der Basis. Der Unterschied entsteht dazwischen. Durch das, was die Deutschen als »Mittelstand« bezeichnen: mittlere Unternehmen mit 300-1000 Mitarbeitern. Exportorientiert. Die etwas herstellen. Mit selbstentwickelter Technologie. Die so zur Diversifizierung der Wirtschaft beitragen. Die meisten sind in Familienbesitz. Und – erstaunlich – etwa 75% dieser Unternehmen sind am Land angesiedelt. Wenn Sie in Frankreich den Elsass besuchen, finden Sie wunderschöne baumbestandene Täler. Gehen Sie über die Grenze, nach Baden-Württemberg, und die Täler sind immer noch genauso schön, auch Bäume, aber zusätzlich Firmen. Kleine und mittlere Unternehmen. Und das macht den Unterschied aus.

Diese fünf Punkte Finanzen, Produktion, Export, Diversifikation und Förderung des Mittelstand sind also der Schlüssel auf dem Weg zum wettbewerbsfähigen Land. Natürlich ist das leichter gesagt als getan, aber wenn Sie mich fragen: darum geht’s.

Hello! My name is Stéphane Garelli, I'm professor at IMD, I'm director of the IMD World Competitiveness Centre, and my question today is: how to be a competitive nation?

Obviously, there are easier questions than this one, but we are going to try to answer it.

The first thing is that you have to put some legal constraints to balance your public finance. I think, it can be by treaty like the fiscal pact in Europe, it can be in laws or constitutions like in Switzerland about ten years ago or in Germany two years ago. But basically you have to enforce balanced finance. Otherwise, it doesn't work.

The second thing you need to do is to make. The »Made in«-concept is a very important concept in competitiveness: the country, at the end of the day, is what it makes. And I think the debate on reindustrialisation is really very much at the core of this issue. US, Britain, Japan have lost about 20% of their industry during the past twenty years. 5.7 million jobs lost in the US factories during the past ten years. And if you take a remarkable success like Apple – I think the market capitalisation 584 billion dollars – only employing 61000 people. Making something is important.

Number three is to export. I think, when you are competitive, you export. At the end of the day, if we see some of the countries with problems today – Greece, Portugal, Spain – they would solve part of their problems if they could learn to export again. Competitive nations do export. Like Germany.

Number four: you have to diversify your economy. I think, diversification is absolutely crucial. I'm from Switzerland and when I go abroad, people tell me: »Oh, Switzerland – this is chocolate and banks!« - I say: »Yes, but maybe it's a bit of food.« - »Oh, yes.« - »Maybe it's a bit of watches.« - >Yes.« - »Maybe it is pharmaceutical, like Novartis.« And actually you see the very competitive nations are very diversified, like Switzerland, but also Sweden, Denmark etc.

And finally, number five, you have to develop the medium size enterprises. Every country around the world has large multinationals at the top and a lot of small companies at the bottom. Where you make the difference is in between; what the Germans call the »Mittelstand«. Medium sized enterprises, 300 to 1000 people. Export oriented. They make something. They have a technology they have developed. They contribute to the diversification of the economy. Most of them are family owned. And surprisingly enough about 75% of these medium-sized enterprises are in the countryside. When you are in France, in Elsass, you have a beautiful valley full of trees. You cross the border, you go to Baden-Württemberg, the valley is just as beautiful, full of trees – but in addition you have companies. Small, medium-sized companies. And that does make a difference.

So these five points on finance, making something, exporting, diversification and supporting really the medium-sized enterprises are really the key success factors for becoming a competitive nation. Of course, it's easier to say than to do – but, really, I think this is the name of the game.

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Schulden / Export

Zum Thema Schulden muss nicht viel gesagt werden. Wir halten derzeit bei über 220 Milliarden (siehe Link »Staatsschulden Österreich« oben rechts), also fast dem 4-fachen der Steuereinnahmen*) von 82,7 Mrd.! Weit über der Maastricht-Grenze von 60%BIP, die schon aufgrund der gewählten Vergleichszahl*) kokett ist.

Ebenfalls besorgniserregend sieht es bei der Entwicklung des Export aus:

Jahr Export
/Mrd.€
Import
/Mrd.€
Differenz
/Mrd.€
Export
zu Vorjahr
Import
zu Vorjahr
2011 122,2 130,8 -8,6 11,69% 15,05%
2010 109,4 113,7 -4,3 16,68% 16,48%
2009 93,7 97,6 -3,8 -20,24% -18,39%
2008 117,5 119,6 -2,0 2,48% 4,65%
2007 114,7 114,3 -0,4 10,54% 9,65%
2006 103,7 104,2 -0,5 9,54% 7,98%
2005 94,7 96,5 -1,8 5,41% 5,93%
2004 89,8 91,1 -1,2 13,87% 12,47%
2003 78,9 81,0 -2,1 1,94% 5,04%
2002 77,4 77,1 0,3 4,24% -2,02%
2001 74,3 78,7 -4,4 6,54% 5,01%
2000 69,7 74,9 -4,2 - -
Differenzen durch Rundungen möglich. Quelle: WKO

Man sieht: in den letzten 12 Jahren waren wir praktisch durchgehend Nettoimporteur.

Import schwächt die eigene Wirtschaft, Export stärkt sie, wie Prof. Garelli im Clip erläuterte.

In dieser Sache haben wir eine Anfrage auf meinparlament in Vorbereitung und lesen gerade das Buch »Inflation oder Deflation« von Markus Lindermayr, das wir demnächst unter »Nachgelesen« rezensieren werden.

*)Steuereinnahmen 2011 lt. Statistik Austria: € 82,7 Mrd.; der Vergleich mit dem BIP ist ja irrelevant und eine Beschönigung: diese Summe steht dem Staat ja nicht zur Verfügung! Wohl aber muss er (= müssen wir) sie zurück zahlen.

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