Die Wirkung von Spekulation oder die Wirkung von Angebot und Nachfrage?

Wir können immer wieder lesen, dass "durch die Spekulation der Finanzhaie" zum Beispiel die Staatsschulden (unter anderem) Griechenlands notleidend werden.

Wenn Sie die Kursentwicklung einer beliebigen Griechenlandanleihe ansehen, etwa von im Jänner 2009 begebenenen EO-Bonds mit einer Nominalverzinsung von 5,5%, dann stellen Sie einen Höchstkurs von rund 110% Mitte 2009 fest, aber einen aktuellen Kurs von rund 63%, was aktuell eine Rendite von fast 22% ergibt.

Im Gegensatz zur Politik hält der Markt offenbar einen 'Haircut', also Verluste der Gläubiger, bei manchen staatlichen Emissionen für immer wahrscheinlicher. Was bei einem Schuldenerlass oder dem Verlassen des Euros genau die Konsequenzen wären, wird intensiv in den Handelsetagen diskutiert. "Denn wie sollen die gebeutelten Länder die hohe Zinslast zahlen?", meint ein Beobachter. [ Quelle: OnVista ]

Nennen Sie es ruhig die Wirkung von Spekulation.

Aber würden Sie einerseits eine Anleihe behalten wollen, die Sie im Jänner 2009 um 99,35 EUR für Nominale 100 EUR gekauft haben und die Ihnen im Jahr 5,50 EUR Zinsen bringt, wenn Sie seit März 2010 zusehen mussten, wie Ihre vermeintlichen 100 EUR immer weniger wert wurden? Ich hoffe für Sie, dass Sie, rein spekulativ, nicht bis jetzt gewartet haben und jetzt nur mehr 63 EUR bekommen.

Wenn Sie freilich andererseits gute Nerven und frei verfügbares Geld haben, dann können Sie auch ganz unverschämt darauf "spekulieren", dass Sie am Ende der Laufzeit, die noch dreieindrittel Jahre währt, die vollen 100 EUR bekommen, wenn Sie heute diese Anleihe um 63 EUR kaufen und während der Restlaufzeit sogar zusätzlich eine Rendite von 22% auf die eingesetzten 63 EUR errechnen können. Der vielzitierte Schutzschirm der Frau Merkl zu Lasten der EU-Steuerzahler sollte ja dieses Ergebnis möglich machen!

Die beiden Verhaltensweisen für Kauf oder Verkauf halten wir für legitim, und - wohlgemerkt - bei beiden handelt sich um Spekulation, nämlich um die Berücksichtigung von Zukunftserwartungen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten auf der Grundlage eines funktionierenden Marktes mit Angebot und Nachfrage. Oder können Sie das anders sehen?

Und was scheint Ihnen nun "gerechter"? "Haircut", was auf den Verlust für die Anleihegläubiger hinausläuft, oder "Schutzschirm", was "Verlust" bei den Steuerzahlern bedeutet? Freilich, die Folgewirkungen wären verschiedene, aber wenn der Markt durch den Schutzschirm ausgeschaltet wird, wird es bald genug Gläubiger geben, die die Situation ausnützen werden.
Das Ergebnis kann irgendwo "in der Mitte" liegen, denn die möglichen Lösungen zu diesem Problem sind "Legion".

Das heisst jedenfalls dann in fernerer Zukunft zum Beispiel: ein Staat erwirtschaftet "lustig" Verluste, und die Steuerzahler der leistungsfähigeren Staaten bezahlen diese; und die Gläubiger haben auch ihre Freude (wenn auch absehbar nicht in dem Ausmaß, das diesmal gegeben sein könnte).

Sehr geehrter Besucher, wir laden Sie herzlich ein, Ihre Meinung, Kritik und/oder auch Fragen in einem Mail an uns (natürlich auch anonym) zu deponieren. Gültigen Absendern werden wir zügig antworten.